Mittwoch, 31. August 2011

Der Kartenraum: Die Kammer des Schreckens

Einmal im Jahr schmeißt unsere Schulleitung bei der Dienstbesprechung eine Folie auf den OHP, auf der sich eine Liste aller „Zuständigkeiten“ an unserer Bildungseinrichtung befindet. Da stehen dann so Dinge wie: Herrn Bromseklöten ist für die Freiarbeitsmaterialien zuständig (damit sind die 10 LÜK-Kästen aus den 70er Jahren gemeint) oder Frau Bob für die Blumen im Lehrerzimmer. Nach den meisten Nennungen kann mit überraschten Ausrufen der betreffenden Kollegen gerechnet werden – nach dem Motto: „Dafür bin ich verantwortlich? Wusste ich ja gar nicht.“ Tja, lieber Kollege, da warst du wohl bei der Verteilung letztes Mal nicht dabei oder hast nicht aufgepasst.
Auf irgendeine Weise, die ich mir gar nicht mehr erklären kann (wahrscheinlich Überrumpelungstaktik) bin ich schon vor einigen Jahren zum Herrscher über den Kartenraum ernannt worden. Kartenraum? Moment mal, wo war der noch mal? Da war doch bestimmt seit mindestens drei Jahren keiner mehr drin. Und ich erst recht nicht.
Nun gut, wie dem auch sei, einmal ins Gedächtnis zurückgerufen lässt mich der Gedanke an diesen geheimnisvollen Ort nicht mehr los und schon beim nächsten Projekttag wage ich mit einer handvoll erlesener Schüler als Sherpas eine Expedition in die Kammer des Schreckens. Ich fühle mich wie Indiana Jones.
Nachdem wir uns einen Weg durch die seildicken Spinnenweben geschlagen haben, verschaffe ich mir einen Überblick über den Bestand: Deutschland in den Grenzen von 1939, unser Landkreis noch ohne die in den 60ern gebaute Autobahn, Sowjetunion, Jugoslawien, Atlantis. Außerdem gibt es wunderschön kitischige Schautafeln von der Kaffeeernte in Kolumbien mit barbusigen Plantagenarbeiterinnen, von den Eskimos im Iglu und Asiaten im Reisfeld.
Weil ich ein begnadeter Wegschmeißer bin, der zu Hause aber zu oft von den restlichen Familienmitgliedern ausgebremst wird, komme ich hier endlich mal auf meine Kosten. Bloß raus mit dem ganzen Mist!!! Vielleicht lässt sich aus dem Raum ja sogar noch ein kleines Besprechungszimmer machen. Und bei der Gelegenheit spiele ich gerne auch Weihnachtsmann für die lieben Kollegen: Nehmt was ihr wollt, der Rest kommt weg! So freuen sich die Kunstlehrer über Massen an hervorragender Leinwand zum Bemalen (wen interessiert das geteilte Berlin auf der Rückseite?), der Hobbybotaniker über die historische Darstellung des gemeinen Wiesenknöterichs für sein heimisches Esszimmer und der Musikmensch über ein Poster mit dem Konterfei des sehr jungen Reinhard Mey. Weiß der Teufel, wie das hierher gekommen ist. Außerdem gibt es einen seit mindestens 20 Jahren originalverpackten Overheadprojektor, das Skelett einer Katze und ZWEI Modelle des weiblichen Unterleibs zu vergeben. Gleich beginnt im Lehrerzimmer die Recherche, was man bei ebay für diese Dinge noch bekommen würde. Vielleicht ist das der nächste Sommerurlaub?
Die Schüler erfreuen sich derweil daran, dass sie auf dem Schulhof endlich mal ihre Aggressionen an einem alten Aktenschrank auslassen dürfen.
Am Ende des Tages ist der Raum tatsächlich fast leer, ich fühle mich wie eine Staubmilbe und der Hausmeister schlägt beide Hände über dem Kopf zusammen ob des erst gestern geleerten und schon jetzt randvollen Müllcontainers.
Ach ja, natürlich wird morgen dann mit Sicherheit einem Kollegen einfallen, dass er ganz dringend die Landkarte von Brasilien braucht, die seit 20 Jahren nicht angerührt und heute endlich entsorgt wurde. Wo ist denn eigentlich noch mal der Kartenraum, wird er mich fragen und sich schnell ducken müssen, um nicht das menschliche Auge im Maßstab 10:1 an den Kopf gepfeffert zu kriegen. Glück auf!

1 Kommentar:

  1. sehr interessant war im Anschluss an die Aufräumaktion das Kämpfchen zwischen Frau Ogg und Herrn Eichel... Sogar der Schulleiter musste eingreifen...
    und JAA Herr Bromseklöten, JA! ich will! einen netten, kleinen Besprechungsraum in Reichweite. Weiter so!

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.