Ja, da sind sie also wieder. Die lieben Kleinen. Gemeint sind meine Schüler. Obwohl – klein sind die echt gar nicht mehr. Sie waren vor den Ferien schon die zweitältesten Schüler der Schule und sind jetzt „die Großen“.
Und was haben sie im Schlepptau – das Pubertier! Das gemeine mitteleuropäische Pubertier. A ganz a fiesa Parasit! Befällt vorwiegend Leute zwischen 10 und 20 Jahren. Schwer zu fangen, nie zu sehen! Größe: unterschiedlich, Länge: zu lang, tag- und nachtaktiv, ernährt sich von Hirnmasse und Verstandsubstanz, nähert sich schleichend, schlägt dann plötzlich zu, ist schwer zu bekämpfen, hat sein Opfer fest im Griff, infiziert außer dem Wirt auch die Wirtsumgebung, Ausrottung unmöglich!
Wen es nicht schon vor den Ferien befallen hat, der ist spätestens jetzt damit infiziert- ----
Bim-bam-bum – das Pubertier geht um.
Unschwer zu erkennen: Frei nach dem Satz den mein eigener Geschichtslehrer im Gymnasium schon zu sagen pflegte („Woran erkennt man eine mittelalterliche Stadt? Antwort: du riechst sie schon aus 10km Entfernung!“) - eben so verhält es sich auch mit meiner Klasse.
Die stinken was das Zeug hält. Das Pubertier kriecht aus allen Poren und Körperöffnungen, stinkt gegen mein zartes Parfüm und den angenehmen Geruch der Putzmittel die nachmittags zuvor der Reinigung des Klassenzimmers dienten, an. Es ist unerträglich! Besonders Merlin in der ersten Reihe mieft so nach Wannabe-Testosteron, dass Frau Seltsam und ich uns weigern, ihm bei den Aufgaben zu helfen. So lang er so stinkt, kriegt er eben keinen Hauptschulabschluss. Klingt hart, ist aber so.
Okay, so fies will ich dann doch nicht sein, deswegen gehört zu meiner Unterrichtsvorbereitung inzwischen wie selbstverständlich „Wunderbaum kaufen“. Hilft aber nichts. Auch im Winter werden wir dieses Jahr bei offenem Fenster unterrichten – Heizenergieeffizienz hin oder her.
Ganz abgesehen von dem bestialischen Gestank führt das Pubertier bei seinem „Wirt“ zu einer Verschlimmerung der ohnehin schon schlimmen Verhaltensweisen. Aggressionsschübe, Dauergekicher, penetrante Uneinsichtigkeit, an Größenwahn grenzende Selbstüberschätzung und Anflüge von „Ich mache jetzt alles was Erwachsene auch dürfen, auch wenn mein Hirn nicht hinterher kommt, die Folgen zu überreißen“ sind da keine Seltenheit. Da endet der Schulausflug schon mal mit dem Notarzt, wegen (heimlichem) Rauschmittelkonsum, der selbst einen gestandenen Junkie ins Schwanken gebracht hätte.
Manchmal zeigt sich das Pubertier auch sehr subtil, fast niedlich und ein bißchen lächerlich: Da wird der Termin bei der Schulfotografin zur Zerreisprobe, weil die werten Herren plötzlich ihre Haarschnitte, ihre Hautqualität und ihre Outfits in Frage stellen. Sie stehen Schlange vor dem Spiegel, schieben einzelne Härchen von links nach rechts, bemühen sich mit ihren fettigen Strähnen die Ausstülpungen, die das gemeine Pubertier auf der Haut hinterlässt zu verbergen und testen ob der Schirm der Baseballkappe besser aussieht, wenn er nach links oder nach rechts zeigt. Dann wird mit dem Versuch nicht zu wackeln (um das Körperkunstwerkt nicht zu zerstören) zum Fototermin zurück geschlichen, um sich dort, kurz bevor die Fotografin abdrücken will, nochmal in einem Anfall schlimmster Selbstzweifel zu verlieren, die den erneuten Gang zum Spiegel leider unverzichtbar machen.
Doch ist sie erstmal weg, die Fotografin, die gemeine Entlarverin der innersten Gedärme des Pubertiers, dann kehrt es seine andere Seite wieder hervor: Da wird gewetteifert und geprahlt was das Zeug hält. Jeder ist bemüht, sein Geschlechtsorgan (verbal !!!! – Beweise werden seltsamerweise nie angetreten) als das beste und größte der Klasse dastehen zu lassen, da wird der eigene Erfolg bei Mädchen in schillerndsten Farben ausgemalt und da wird im Brustton der Überzeugung versichert, man habe seine paranoiden Erzeuger Zuhause nun endlich fest im Griff. Jaja. So ist das. Möchte man ihnen glauben, so habe ich eine Klasse voller gut bestückter, erfolgreicher, führungsstarker und umwerfend gutaussehender Casanovas vor mir. Ich frage mich manchmal wie Frau Seltsam und ich es da überhaupt noch schaffen, uns auf den Unterricht zu konzentrieren.
Hm, wahrscheinlich weil wir ein verdammtes Pflichtgefühl haben und einfach denken: „Wenigstens 2 Leute in diesem hormongeschwängerten Raum müssen es doch schaffen, den Unterrichtsstoff für etwas Wichtiges zu halten!“ Wenigstens wir zwei. Das Pubertier führt bei unseren Jungs nämlich zu einer kompletten Ausrottung des bislang angehäuften Wissens und zu einer Verstopfung der Eingangskanäle für neuen Input. Zumindest Input, den Frau Seltsam, Frau Niederländer, ich und all die anderen Kollegen die in meiner Klasse arbeiten, versuchen unter´s Volk zu bringen. Stattdessen halten wichtige Sachverhalte und Diskussionspunkte wie „Ist das beste Geschenk für ein Mädchen tatsächlich Melonen-Shampoo?“ (übrigens unmittelbar gefolgt von der Überlegung: „Wachsen den Mädchen dann auch Melonen?“), „Wie sehen die Brüste der großen Schwester meines Sitznachbarn wohl nackt aus?“, „Welche Gangart muss ich wählen, damit alle auf dem Schulhof glauben, ich hätte das Gemächt eines ausgewachsenen Mammuts?“ und so weiter und so fort, Einzug. Und Frau Seltsam und ich müssen auch hartgesotten sein, angesichts solcher Sätze wie: „Sie haben in den Sommerferien aber auch ganz schön zugelegt. Attraktiv kann man das nicht mehr nennen!“ Nach kurzem Grübeln ob das Pubertier zu einem Röntgenblick führt, der die angefressenen 3 Kilo tatsächlich sichtbar macht, wenden wir uns dann wieder dem Unterricht zu. Dem Unterricht in einer Klasse von 20 Insassen: 10 Wirte und ihre 10 parasitären Pubertiere. Warum gibt’s für übervolle Klassen eigentlich keinen Gehaltszuschlag? Spätestens wenn die Jungs dann echte Probleme haben, zur Pause den Klassenraum zu verlassen, da die leidige Melonendiskussion zum Anschwillen des Fortpflanzungsorgans geführt hat, können sie einem fast schon wieder leid tun.
Naja, aus Erfahrung wissen wir: irgendwann verlässt einen das gemeine Pubertier so heimlich und leise wieder, wie es gekommen ist!
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