Sonntag, 28. August 2011

Feliz navidad dank Methylphenidad

Reich an Zahl sind die Theorien, woran es liegt, dass immer mehr Kinder an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) leiden. Buchhändler meinen, es liege am übermäßigen Fernsehkonsum, Gemüsehändler geben den Phosphaten in Lebensmitteln die Schuld, die Vertreiber von Entspannungs-CDs und Mandala-Malblöcken sehen die Ursache in fehlenden Ruhephasen im Alltag. Jeder hat halt, je nach Profession, einen eigenen Erklärungsansatz. Frau Seltsam berichtete auch mal von einer Hebamme, die die Schuld den vielen Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft gab. Von meiner Uroma, die zwar noch kein ADHS aber andere Zivilisationskrankheiten kannte, wird berichtet, dass sie stets zu sagen pflegte: „Liegt alles am Atom!“ Mag ja alles sein.
Aber ich kenne den wirklichen Grund: ADHS ist ansteckend! Jawoll, es überträgt sich von  Mensch zu Mensch. Jeder, der es wie ich täglich mit zehn kleinen Zappelmännern zu tun hat, wird es schon an sich selbst beobachtet haben. Die eigene Konzentrationsfähigkeit leidet drastisch darunter. Früher hielt ich mich eigentlich immer für einigermaßen gut organisiert und strukturiert – heute vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht meine Brille, mein Schlüsselbund oder mein Handy verlege. Letzteres kann man immerhin anrufen. Gehe ich mal ins Theater, suche ich die Stücke nur noch nach ihrer Länge aus: länger als 90 Minuten halte ich nicht mehr durch, dann werde ich total flippig. Im Alltag ein Buch lesen? Kann ich vergessen. Für eine Seite brauche ich ungefähr zehnmal so lange wie im Urlaub! Und auch beim Fernsehen wäre ich ohne Timeshift, der gesegnetsten Erfindung im Elektronikbereich der letzten 20 Jahre, völlig aufgeschmissen. So schaltete ich neulich die Tagesschau an, um zu erfahren wie das Wetter am nächsten Tag werden würde. Als die Sendung zu Ende war, hatte ich davon überhaupt nichts mitbekommen und musste zurückspulen. Trotz des Vorsatzes: „Jetzt passe ich aber genau auf!“ ging das drei Mal so, bis ich endlich etwas vom Wetterbericht mitbekommen hatte.
Bei festlichen Veranstaltungen, bei denen Stillsitzen erwartet wird, bin ich heilfroh, wenn ich meine Kinder dabei habe. So habe ich immer einen Vorwand, aufzustehen, rumzulaufen oder rauszurennen („Schulligung, die Kleine muss mal Pipi...“).
Und fragen Sie mal meine Frau, ob das Symptom „Scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen“ auf mich zutrifft! Na, bitte!
Dass es nicht nur mir so geht, beweist ein Blick in die Runde bei jeder Dienstbesprechung. Unglaublich, was die Kollegen am Kippeln, Trommeln, Fummeln (nein, nicht, das was Sie jetzt denken...), Kritzeln, Grimassieren sind. Und wahrscheinlich geht es ihnen allen genau wie mir: Abends, zu Hause auf dem Sofa, ist es auch nicht anders.
Vielleicht sollten wir es also alle auch einmal mit dem kleinen Wundermittelchen versuchen, dass wir (unter verschiedenen Produktnamen) auf Klassenfahrten an die schlangestehende Meute verabreichen dürfen und das den wohlklingenden Namen „Methylphenidad“ trägt. Wehe, einer der Sprösslinge hat mal die Pillendose zu Hause vergessen, da steht sofort das große "P" in den Augen: "Herrn Bromseklöten, ich brauch das! Sonst bin ich heute abend ganz schlimm!" Wir hatten schon Drogenübergaben auf Autobahnparkplätzen deshalb!
Ich finde "Methylphenidad", das klingt überhaupt nicht nach Kinderdroge, sondern irgendwie total fein und feierlich. Bei der letzten Adventsfeier in der Schule hatte ich die Eingebung, man könne eigentlich den Text des schmissigen südamerikanischen Weihnachtsliedes mal umdichten:
"Methylphendidad,
Feliz navidad,
Methylphenidad,
Prospero año y felicidad…"
Das würden bestimmt viele Eltern und Pädagogen aus voller Kehle mitsingen! Vielleicht sollte ich doch in die Werbung gehen. Ich würde dann auch so Adventskalender verkaufen, sie wissen schon... Glück auf!

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