Freitag, 20. Januar 2012

Willkommen in unserer Welt

(Sollte dieser Blog irgendwann einmal tatsächlich ein Buch werden, wovon Frau Mavinski ja fest überzeugt ist, wird dies das Vorwort!)

Wenn in den Medien malwieder über deutsche Schulen hergezogen wird, ist in der Regel vom "dreigliedrigen" Schulsystem die Rede. Das ist aber im Grunde genommen falsch, denn eigentlich ist unser Schulsystem viergliedrig. In der öffentlichen Diskussion gerne vergessen werden die Förderschulen. Diese Bildungsanstalten - formerly known as Sonderschule und Hilfsschule - sind sozusagen die Resterampe des Systems und das Sammelbecken für alle, die den Anforderungen von Grundschule und später mindestens Hauptschule nicht gewachsen sind - aus welchen Gründen auch immer.
Auch meine Kollegen und ich arbeiten an solch einer Förderschule und wenn wir das auf Partys oder sonst irgendwo erzählen, dann werden wir manchmal angeguckt, als kämen wir vom Mond. Die Reaktionen reichen von "Naja, das muss ja auch jemand machen" über "Boah, das ist doch bestimmt total frustrierend?" bis hin zu überraschten Frage:n wje "Ach, und sowas kann man studieren?" oder "Kann man denn davon leben?" Als männlicher FÖL (= Förderschullehrer) wird man sowieso gleich ganz schief angeguckt und entweder für schwul oder debil gehalten.
In solchen Momenten lässt man sich schnell dazu hinreißen, die heftigsten Horrorstories aus dem bisherigen Berufsleben zum Besten zu geben: Geschichten von stühleschmeißenden, scheißeschmierenden und drogendealenden Schülern. Um wenigstens ein bisschen Eindruck bei der Zuhörerschaft zu schinden. Diese Fälle gibt es natürlich wirklich, aber überwiegend geht es bei uns eigentlich doch sehr fröhlich zu und oft ist es sogar richtig lustig - genau davon handeln die Geschichten in diesem Blog.
Dass dies so ist,  liegt natürlich vor allem an den Schülern, die in der Masse zwar schon oft als nervig und anstrengend empfunden werden, im Grunde genommen aber dem Schulalltag durch ihre Schrullen, Eigenarten und Unvollkommenheiten erst die richtige Würze verleihen, ohne die er total fad wäre. Durch sie ist jeder Vormittag wie eine große Wundertüte und wenn man morgens im Auto zur Schule fährt, weiß man eigentlich nie, was einen erwartet. Wer kann das von seinem Beruf schon behaupten?
Neben den Schülern trägt aber auch unser Kollegium dazu bei, dass es bei uns nie langweilig wird. Auch hier finden sich viele, die im öffentlichen Schulsystem nie klarkommen würden. Wir sind, genau wie unsere Schüler, viel zu schrullig, individuell und freiheitsliebend, um an einer "Regel-"Schule glücklich werden zu können und sich in das enge Korsett aus Lehrplanvorgaben und Elternerwartungen einzwängen zu lassen. Und wir lieben viel zu sehr das gemeinsame Arbeiten, um den ganzen Vormittag alleine als Einzelkämpfer vor einer Klasse stehen zu können und mit dem Schlussgong nach Hause ins einsame Arbeitszimmer abzudampfen.
Ein bisschen ist unsere Schule also wie das gallische Dorf von Asterix und Obelix: Ein Rückzugsort für - in positivem Sinne - "Spinner" und "Verrückte", an dem die Geschehnisse der Welt (in diesem Fall die gesamte Bildungsdiskussion der letzten Jahre) weitestgehend vorbeiziehen und in das sich kaum jemand Außenstehendes hineinwagt. Ich wage die Prognose, dass dies auch noch eine ganze Weile so bleiben wird - trotz Diskussion über gemeinsamen Unterricht, Integration oder Inklusion.
Wir laden Sie nun ein - auf eine Reise in die Welt der Justins, Pascals und Chantalles, die Welt der Bügelperlendidaktik und des Curriculumkreises. Begleiten Sie uns auf unserem täglichen pädagogischen Himmelfahrtskommando. In diesem Sinne: Gut festhalten und Glück auf!

3 Kommentare:

  1. ein wunderbares vorwort! herr bromseklöten- am ende wirste noch berühmt und musst bei lanz sitzen oder bei maischberger aufm sofa...

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  2. Ja genau ---- exakt so ist das bei uns! Ich fühl mich verstanden! Sehr treffend beschrieben, herr Bromseklöten. Das perfekte Vorwort!

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  3. Och nöööööööööööööööö! Und wenn, dann nehme ich euch alle mit. Mit euch gehe ich sogar ins Dschungelcamp...

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