Donnerstag, 15. März 2012

Großes Theater - Klap(s)e, die vorletzte

Kennen Sie das? –Manchmal gibt es ja diese Tage, da ist man total erschöpft, wegen irgendwas. Und eigentlich möchte man auf der Stelle ins Bett fallen und schlafen. Aber wenn das dann nicht geht und man wuchtet sich über den absoluten Tiefpunkt drüber, dann erwartet einen auf der anderen Seite des Tals ein Gefühl von -ich möchte sagen- ausuferndem psychodelischem Übermut, der Besitz von einem ergreift, der einen in unkontrollierte Verhaltensweisen stürzt, der die Welt auf den Kopf stellt und um sich schlägt.

So ein Tag war heute. Bei allen. Irrsinn all over.

Willkommen in der Anstalt!!!!

Der Tag fing schon schräg an: Da teilt uns der Klassenlehrer unserer zweiten Hauptdarstellerin Tanja (die ohnehin schon reichlich labil und unzuverlässig ist) mit, dass er gestern Nachmittag ein Gespräch mit ihr geführt hat, in dessen Verlauf ihre ohnehin schon dünnen Nerven von ihm so weit strapaziert wurden, dass sie heulend aus dem Raum gelaufen ist und ab da nicht mehr gesehen ward. Er könne uns nun nicht versprechen, ob sie überhaupt je wieder zur Schule, geschweige denn zu unserer Probe kommen würde. Na super! Danke auch, Herr Kollege! Man weiß doch, wie sensibel diese Künstlerseelen sind – und dann machst du sowas – zwei Tage vor dem Auftritt. Plötzlich droht das ganze Theaterprojekt also zu scheitern: Eine Hauptdarstellerin verschollen. Vielleicht nie mehr auffindbar. Plan B muss her, finden wir und so wird entschieden, Tanjas Klassenlehrer habe die Rolle der bösen Stiefmutter zu übernehmen. Ein paar gespielte Ohnmachtsattacken und ne Viertelstunde Stöckelschuhe tragen, wird er ja wohl noch hinkriegen, entscheidet Fr. Seltsam und drückt ihm die hochhackigen Pumps in die Hand mit dem Befehl sich sofort umzuziehen.

Der Vormittag geht schräg weiter. Spätestens als die kleine Carmen mir die neuste Fußballneuigkeit mitteilt, die da lautet: „Hannover spielt heute Abend gegen 96“ –da hätte ich es wissen müssen: Dieser Tag kann nicht normal werden. Die Generalprobe ist ein einziges Desaster. Die Schüler spielen heute alle in Zeitlupe, so als wären sie in einer anderen Dimension. Die Musikanlage tönt mal laut, mal leise und Requisiten, die eben noch an einem bestimmten Platz lagen, lösen sich in Luft auf und sind nicht mehr wiederzufinden.

Cheyenne hat endlich an die Stöckelschuhe gedacht, wie schade, dass das dazu mitgebrachte Strumpfwerk dicke, selbstgestrickte Wandersocken sind. Egal. Cheyenne quetscht sich dennoch in die Schuhe. Gangart und fransiger Fußbewuchs lassen das Bild von einem sehr behaarten Mann mit einem Fetisch für Weiberklamotten lebendig werden. Aber was solls. Cheyenne juckts nicht –sie zieht ihr Ding durch!

Dafür juckt Carmen heute ihre Unterbux. Jedenfalls kann sie heute keine Szene beginnen, ohne nicht mindestens einmal vorher gesagt zu haben: „Moment, mein Schlüppi zwickt!“.

In der Pause wird es nicht besser: Auch auf dem Schulhof geht es heute zu, wie im Innenhof der Betty-Ford-Klinik: Wer Insasse und wer Betreuer ist, lässt sich nicht mehr unterscheiden. Ein vergeistigter Irrer hat sich aus selbst ausgeschnittenen Metallstreifen eine riesige Parabolantenne zusammengeleimt. Nachdem er eine halbe Stunde vergeblich versucht, damit einen Radiosender zu empfangen, kommt er auf die Idee, eine Bratpfanne mittels der eingefangenen Sonne (heute war es den ganzen Vormittag wolkig….) zu erhitzen. Umzingelt wird er von kaffeetassenhaltenden Personen, die auf den ersten Blick wie Betreuer wirken. Dieser Eindruck verflüchtigt sich angesichts solcher Dialoge wie: „Dein Vorname ist doch kein Vorname, sondern ne Diagnose!“ (Originalton Kollege A zu Kollege B !!!) Anschließend fangen zwei Kollegen an, sich gegenseitig zu schubsen. Ein Schüler muss kommen und den Streit schlichten. Bevor die Situation erneut eskaliert, gehen wir lieber schnell wieder rein und widmen uns weiter dem Theaterstück.

Nach der Pause wird es nicht besser. Eigentlich geht es jetzt „nur noch“ um den Requisitenbau. Aber auch hier läuft heute alles völlig aus dem Ruder: Zunächst klaut Carmen einen halben Liter Gemüsesaft aus der Tasche von Fr. Seltsam und verleibt ihn sich ein -mit den Worten: „Mir kauft in meiner Einrichtung keiner so was Gesundes, dabei ist es gut für mich!“ Das Süßigkeitenglas, das daneben steht, lässt die Achtjährige unangetastet. (Ich sagte ja bereits: heute benehmen sich alle seltsam!).

Inzwischen sind bei Fr. Seltsam und mir auch jeglichen Konturen zwischen „krank“ und „normal“ verschwommen. Jedenfalls müssen wir nicht eine Minute über die Antwort nachdenken, als Tanja uns fragt: „Darf ich bitte auf der Bühne so tun, als würde ich ein rohes Organ verschlingen –so wie es im Originaltext des Autors steht?“ Na klar darf sie! Wir sind überzeugt davon, dass ihr das helfen wird, ihre schwierige Vergangenheit aufzuarbeiten.

Also muss die Attrappe eines blutigen Organs her. Den Rest des Vormittags verlieren wir uns in abenteuerlichsten Versuchen und Experimenten: Erst wird eine gebratene Bulette in Herzform geschnitten und in Rote-Beete-Saft eingelegt. Doch bei der Beißprobe stellt Tanja fest: Das „Blut“ spritzt zu wenig. Okay. Da müssen wir umgehend nachsteuern. Marshmellows werden besorgt. Und Einwegspritzen. Die nette Referendarin macht sich mit Cheyennes Hilfe daran, die Schaumstoffzuckermasse mit Tomatensaft vollzupumpen. Aber auch hier zeigt die Beißprobe: Zu wenig Blutfluss!

Nächste Idee: Eine Kartoffel wird in Gemüsesaft gekocht. Schade nur, dass wir dem Kochvorgang nicht die ganze Zeit beigewohnt haben. Als wir die Küche von Fr. Seele betreten, sieht der Herd aus, als hätte dort jemand ein Schwein geschlachtet. Alles rot, oder ums mir Carmens Worten zu sagen: „Wer hat denn da auf den Herd geblutet?“. Egal. Die Kartoffeln sind weich und verfärbt. Sie werden zu einer Masse geformt. Nun brauchen wir nur noch einen „flüssigen roten Kern“, damit „das Blut“ der Tanja dann auch so richtig schön übers Gesicht läuft, wenn sie „in das Organ“ beißt.

Und weil Fr. Seltsam, die Anwärterin und ich noch nicht krank genug sind in der Birne, um uns eine adäquate Lösung auszudenken, hilft uns Fr. Ogg: „Füllt doch einfach die abgeschnittene Fingerspitze von einem Einweghandschuh und knotet sie zu einem kleinen, prall gefüllten Ballon“. Danke Frau Ogg! Super Idee. Und so ähnlich machen wirs dann auch. In der 5. Stunde stehen Fr. Seltsam, Cheyenne, Tanja und ich in unserem Klassenzimmer. Vor uns eine Schüssel „angedicktes Blut“ (Rotebeetesaft mit Mehl) und befüllen Kondome (die eignen sich nämlich noch besser als Einweghandschuhe, da dünner!!!!) mit der roten Flüssigkeit.

Die Referendarin hält sich angesichts ihres immer wiederkehrenden Brechreizes in der Zeit dezent im Hintergrund am Waschbecken auf. Und wir füllen im Vordergrund, was das Zeug hält. Bemerkungen von Tanja wie „...als habe man einem Mann sein bestes Stück abgekackt!“ , klingen in Fr. Seltsams und meinen Ohren völlig logisch. Irgendwann sehen wir alle aus, als hätten wir gerade bei einer Achtlingsgeburt geholfen und verlassen nicht minder stolz und glücklich mit prallgefüllten Kondomen und blutigen Händen, Gesichtern und Pullovern zombihaft den Klassenraum. Das wird ne super Aufführung!

Kurz vorm Nachhausefahren dämmert Fr. Seltsam und mir, dass wahrscheinlich morgen unser letzter Arbeitstag sein wird. Der Schulleiterin wurde schon von irgend einem Schandmaul nahegelegt, die Kündigung für uns heute vorzuformulieren, damit sie morgen direkt nach der Theateraufführung ausgehändigt werden kann.

Von mir aus – solln se doch – wir sind eh ferienreif!

Zu guter Letzt liefert der kleine Lennart, der heute stolz wie Bolle mit einem Pizzakarton über den Schulhof rannte, noch das Motto zu diesem kranken Tag (und ich glaube, da hat er von der Welt mehr verstanden, als wir alle zusammen). Es lautet: „Der Pizzabote ist immer der Sieger!!!!!“ In diesem Sinne –gute Nacht!

3 Kommentare:

  1. Mensch Samstag, da ist kein Wort übertrieben oder gar gelogen! Nun habe ich Bauchkrämpfe vom Lachen und die Wimperntusche ist mir heute zum xten Mal verlaufen... Großartiger Beitrag...bleibt nur zu hoffen, dass Frau Seele nicht in ihren Kühlschrank guckt, wo vermeintlich blutig gefüllte Kondomeim Seitenfach auf ihren Einsatz warten....

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    1. Frau Seltsam - schau in deine Mailbox: Da sind die Fotos des Tages zu finden, die belgen, das sich alles so und zwar genauso zugetragen hat....

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  2. Ich fass es nicht! Wir kommen in den Knast!!

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