Heute waren wir Badesee. Eigentlich wollten wir Freibad, aber Freibad zu. Also waren wir Badesee.
So ein Ausflug ist natürlich eine aufregende Angelegenheit, und so müssen im Vorfeld wichtige Fragen beantwortet werden. Kann man da was kaufen? Gibt es im See Haie? Dürfen wir ausnahmsweise unsere mp3-Player mitnehmen? Wann fährt der Bus? Sollen wir uns die Badehosen schon vorher unterziehen? Wenn ja, müssen wir dann eine trockene Unterhose mitnehmen? Und überhaupt: Wie haben wir uns zu benehmen.Pascal bringt alle Verhaltensregeln wie immer auf den Punkt: "Wenn wir auffallen, dann positiv!" Den Spruch hat er von seinem Familienhelfer gelernt und er bringt ihn jedes Mal.
Nach überstandener Busfahrt - niemand hat unnötigerweise den "Stop-Knopf" gedrückt, alle Nothammer sind noch an ihren Plätzen und der Busfahrer sieht noch ganz entspannt aus - erobern wir den See und die Liegewiese. Die wenigen ruhesuchenden Badegäste (Rentner, Mütter mit Kleinkindern, Abiturienten) die sich hier einen entspannten Vormittag versprochen haben, haben wir schnell vertrieben. Der See ist unser!
Reflexartig verfällt nun jeder in seine angestammte, von ähnlichen Ausflügen bereits bekannte, Rolle, die er den gesamten Vormittag innehaben wird.
Da gibt es Schülertyp Nr. 1: Den gemeinen "Schlickrutscher". Er ist im Sandkastenalter hängengeblieben und erfreut sich an den haptischen erlebnissen, die das Spielen im schönsten Kallamatsch zu bieten hat. Da sitzt er nun die ganzen drei Stunden völlig versunken am aufgeschütteten Sandstrand, schaufelt mit seinen Händen Kanäle aus und lässt wunderschöne Kleksburgen entstehen. Ab und zu kommt es mal zu einem kleineren Schreianfall, wenn ihm jemand durch seine Kunstwerke latscht.
Ebenso entspannt im Hier und Jetzt ist Schülertyp Nummer 2, der "Naturforscher". Im Idealfall mit einem mitgebrachten Kescher ausgestattet pirscht er - mit hochgekrempelten Hosenbeinen - die Uferböschung entlang und erforscht das Tierleben am See. Jede kleine Muschel, jede Libelle und jeder vorbeihuschende Fisch wird mit größter Zufriedenheit zur Kenntnis genommen. Diese Kinder sind natürlich die, die das Lehrerherz höher schlagen lassen und bereitwillig beantwortet man alle Fragen, wie etwa die des Neuntklässlers, wo die Muschel ihre Augen hat (ja, woher soll ich das denn wissen?). Kurzum: Eine Szene wie aus dem jako-o-Katalog.
Dann gibt es natürlich auch noch den Typ Nummer 3, die "Antjes". Wer noch den alten Spot mit dem ehemaligen NDR-Maskottchen kennt, kann sich denken, dass zu dieser Gruppe in der Regel die etwas gemütlicheren Schüler gehören. Den ganzen Vormittag dümpeln sie im seichten Uferwasser, so dass nur der Kopf herausguckt. Dabei geben sie die ganze Zeit äußerst zufriedene Schnauflaute von sich. Ihnen wird nicht kalt und nicht langweilig, obwohl sie sich fast nicht bewegen.
Neben diesen drei eher ruhigen Arten finden sich aber natürlich auch Spezien, die deutlich aktiver sind. Zu diesen gehört Typ Nummer 4, der "Strandläufer". Der Strandläufer erscheint top ausgestattet zum Badeausflug. Taucherbrille, Schwimmflossen, Schnorchel und natürlich (ganz wichtig) wasserdichte Armbanduhr mit Tiefenmesser gehören zu seiner Ausrüstung. So verkleidet stolziert er nun den ganzen Vormittag am Ufer auf und ab und erzählt jedem, der es nicht hören will, was er alles für Kunststücke vollbringen wird, wenn er erstmal im Wasser ist. Dahin kommt er aber nie. Denn irgendetwas ist immer falsch: mal spritzt einer der Antjes zu doll, mal ist der von den Schlickrutschern ausgehobene Graben zu breit und mal kriegt er versehentlich den Kescher der Naturforscher an den Kopf und muss sich von diesem Schreck erstmal eine Weile erholen. Kurz und gut, der Vormittag ist um - und die Badehose des Strandläufers trocken. Trotzdem ist er hinterher total zufrieden (wie übrigens alle!) und erzählt überall rum, wie toll es am Badesee war.
Größter Feind des Strandläufers ist Schülertyp 5: Der "Greifer". Dieser lauert den gesamten Vormittag über auf dem Badesteg seinen Opfern auf. Seine größte Freude ist es, jeden vorbeikommenden einfach zu greifen und ins Wasser zu schubsen/zu schmeißen. Immerhin hat diese Spezies den eigentlichen Zweck unseres Ausflugs - den Kontakt mit dem kühlen Nass - begriffen, sie wendet dieses Wissen leider jedoch nur auf andere an. Denn wehe, eines der Opfer rächt sich und lässt den Greifer über Bord gehen. Groß ist das Wehklagen und die Schimpfwörter reich an Zahl.
In sicherer Distanz zum "Greifer" hält sich Gruppe 6, die "Wiesenschnepfe" auf. Einen Teufel wird sie tun, sich auch nur in die Nähe des Wassers zu begeben. Nach langem hin und her haben die Wiesenschnepfen (sie treten immer nur im Rudel auf) sich auf einen Platz auf der Liegewiese geeinigt (möglichst in der prallen Sonne, möglichst weit weg von der Gruppe - aber möglichst dicht dran an den Abiturienten...), wo sie nun ihre Handtücher aufschlagen und sich dort heimisch niederlassen. Zum arttypischen Verhalten gehört das ununterbrochene Herumzuppeln am Bikini, Kaugummi kauen und das Senden von SMS an die Handtuchnachbarin.
Nun gut, wie dem auch sei: Alle bisher genannten Typen genießen auf ihre Art den Strandtag. Nicht so allerdings Typ 7, das auch vom Schulhof und jeder Klassenfahrt bekannte "Einzelschicksal". Das Einzelschicksal ist in gewisser Weise verwandt mit dem Strandläufer, es fehlt im jedoch auch an der theoretischen Affinität zum Wasser bzw. zu allem anderen, was seinen Mitschülern Spaß macht. Daher schafft diese Gattung es noch nicht einmal, sich in seine Bademontur zu schmeißen, sondern verbringt auch bei 30 Grad im Schatten die gesamte Zeit in langer Jeans und Sweatshirt sowie mit Rucksack auf dem Rücken. In der sozialen Kontaktaufnahme gehemmt, hängt das Einzelschicksal gerne entweder am Rockzipfel des Lehrers oder trödelt stöckchenschmeißend auf der Liegewiese auf und ab. Aus diesem Verhalten würde es noch nicht einmal erwachen, wenn ein Ufo landen würde, es Bonbons regnen würde oder Pietro Lombardi in einer Stretchlimo vorfahren würde.
Damit hier nicht der Eindruck entsteht, dass wir es nur mit verschrobenen Typen zu tun haben, folgt - last but not least - die Gruppe, zu der zum Glück auch an unserer Schule die meisten Schüler zu zählen sind. Es ist Typus 8, die "europäische Arschbombe". Dieser Schülertypus verhält sich so, wie es zu erwarten wäre und wie sich Jugendlich zu allen Zeiten bei solchen Anlässen verhalten haben. Er hat einfach einen mordsmäßigen Spaß, übt coole Sprünge vom Steg, taucht nach Ringen, schwimmt Bällen hinterher und fragt nach drei Stunden: "Och, schon alles vorbei?". Zugegeben: Neben einigen Schülern gehören auch Frau Bob, Herr Brandt und ich zu dieser Gruppe. Da treibt man dann (nach einer 10-Punkte-Arschbombe, die alle Schüler imponiert hat) auf dem Rücken liegend auf dem Wasser, sieht den Wolken zu, hört zufriedene Kinderstimmen und denkt sich insgeheim: "Man, was hab ich für einen geilen Job. Nie im Leben würde ich ihn gegen einen Arbeitsplatz im Büro tauschen." In diesem Sinne, Glück auf.
Sehr schön charakterisiert, Herr Bromseklöten! Die Szene wurde mir förmlich lebendlich vor meinem müden Feierabendauge. Ich finde, du solltest für künftige Lehramtsanwörter ein Klassifizierungsfachbuch zum schon-mal-üben herausbringen --vielleicht mit dem Titel: "Die gemeine Wald-und-Wiesen-Pädagogenfauna" oder so.
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