Mittwoch, 22. Juni 2011

Zunehmend weniger

Eigentlich sollte ich jetzt gar keinen Post schreiben. Eigentlich sollte ich jetzt Zeugnisse schreiben. Denn es sind nur noch zwei Wochen bis zum letzten Schultag und da heißt es langsam mal ranklotzen. Natürlich fallen einem aber IMMER dringendere Tätigkeiten ein. Die Schulbuchlisten müssen ausgefüllt werden, die Entschuldigungen der Schüler aus dem ganzen Schuljahr müssen sortiert werden (erst nach Name, dann nach Datum, dann nach Papierformat), die Listen für die Arbeitsgemeinschaften im neuen Schuljahr könnten mal erstellt werden (toll, wie lange man sich an einer Excel-Tabelle aufhalten kann!) und bis zur Einschulungsfeier sind es genau genommen aucnh nur noch zwölf (Schul-)Tage, da müssen natürlich langsam mal die Liederzettel her.
Kurz und gut, Zeugnisse sind nicht sehr populär, sie haben irgendwie ein Imageproblem - sowohl bei denen, die sie bekommen als auch bei denen, die sie schreiben müssen. Woran liegt Letzteres?
Zum Einen wird der gemeine Lehrer dabei mit seiner eigenen Nachlässigkeit konfrontiert. Stellt er doch plötzlich, über den Mathenoten brütend, fest, dass er im ganzen Halbjahr erst einen Test hat schreiben lassen. Regelmäßige Notizen über die mündliche Mitarbeit fehlen natürlich auch. Gut, in so Fächern wie Sachunterricht und Religion heißt die Notlösung: Mappen einsammeln. Aber was macht man, wenn man selber nicht mehr weiß, wieviele Arbeitsblätter da drin sein müssten? Man kriegt also recht schmerzvoll vermittelt, was man ein halbes Jahr lang alles versäumt hat.
Dies alles betrifft mich selbst zum Glück nicht so sehr, da ich aufgrund meiner Klassenstufe weniger Zensuren und mehr ausformulierte Berichte zu erfinden habe. Trotz der bahnbrechenden Erfindung von Copy-and-Paste ist das aber jedes Mal eine echte Mammutaufgabe. Während Guttenberg und Koch-Merin beim Abschreiben die Qual der Wahl zwischen tausend verschiedenen Quellen hatten, bleibt mir bestensfalls das Plagieren der von mir selbst verzapften Giftblätter des vorangegangenenen Halbjahres. Und das wird auf die Dauer a) langweilig und b) fällt es wohl auch irgendwann auf, wenn man immer das gleiche schreibt.
So stürze ich mich also wieder in den Nahkampf mit den immer gleichen Formulierungsmonstern, die da heißen "selten", "meist", "oft", "mitunter","zunehmend", "in zunehmendem Maße", "überwiegend" und die es gleichmäßig über den Text zu verteilen gilt. Dabei ertappe ich mich selbst früher oder später bei völlig bescheuerten Satzkreationen: "Der Schüler XY vergisst zunehmend weniger häufig seine Hausaufgaben". Häääh? Da schwirrt einem dann doch irgendwann der Kopf.
Eine weitere beliebte Rubrik, die mich jedes Jahr vor Probleme stellt: BESONDERE INTERESSEN UND FÄHIGKEITEN!
Natürlich wird der Kollege von Bödefeld an seiner höheren Bildungsanstalt da Seiten füllen können: "Cedric-Alexander interessiert sich für die Musik des Spätbarock, lateinamerikanische Exilliteratur und Golfsport."
So etwas gibt es bei uns nicht. In meinen Zeugnissen sind die Dauerbrenner:  "Pascal zeigt Freude an sportlichen Aktivitäten, insbesondere Fußball", "Chantalle malt und bastelt gerne", "Erkan zeigt Einsatz bei körperlicher Arbeit". Das sind die positiven Fälle.
Aber was tun, wenn man es mit einem völlig talent- und interessenfreien Kandidaten zu tun hat? Soll man sich dann irgendwas ausdenken? Aber da fällt einem dann zum Glück das sinnvollste Seminar ein, dass man je im Studium belegt hat und in dem man gelernt hat, die noch so gestörtesten Verhaltensweisen positiv umzudeuten. Und schon kommt man auf so brilliante Formulierungen wie: "Marvin ist sehr interessiert an seinen Mitmenschen" (soll heißen: "Marvin mischt sich überall ein, anstatt sich um seinem eigenen Scheiß zu kümmern) oder: "Kevin hat Freude an Bewegung und Lautmalerei" (meint: "Kevin kann keine drei Sekunden still sitzen und gibt dauernd komische Geräusche von sich") oder sogar: "René zeigte im Musikunterricht einen sehr kreativen Umgang mit den Orff-Instrumenten" (was so viel bedeutet wie: "Neulich hat René dem Justin die Klanghölzer über den Bregen gezogen.") und so weiter, und so fort ...
Heee, ich merke gerade, ich bin richtig warmgelaufen. Da werde ich mich wohl doch noch ein Stündchen an die Zeugnisse setzen. Glück auf!

1 Kommentar:

  1. sehr schön Herr Bromseklöten! Fühle mich verstanden! Habe heute beim Zeugnisschreiben mit Entsetzen festgestellt, dass es noch was Besseres gibt als "Das Sozialverhalten entspricht den Erwartungen". Anscheind kann man rein theoretisch sogar "...entspricht den Erwartungen im vollen Umfang" oder "...verdient besondere Auszeichnung" oder so ähnlich ankreuzen. Warum? Für wen soll das zutreffen? Meint das Formular etwa MEIN Sozialverhalten? ???

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