Dienstag, 31. Mai 2011

Tischordnung

Über das Lehrerzimmer als innerstes Heiligtum einer jeden Bildungseinrichtung st schon viel geschrieben und gesagt worden. Hier herrschen ganz eigene Regeln und Rituale, die für Außenstehende nur schwer zu begreifen sind. Das geht los mit dem wohl berühmtesten Lehrerzimmersatz schelchthin, nämlich: "Wir haben hier keine festen Plätze - aber ich sitze immer hier." Diese Botschaft (durchaus als Warnung zu verstehen) bekommt, so oder so ähnlich jeder Neuankömmling vermittelt. Dennoch schafft es irgendwie jeder, sich ein Plätzchen zu ergattern.
Dabei ist es aber von großer sozialer Bedeutung, an welchem Tisch man landet. Bei uns gibt es davon drei. Als vor einigen Jahren das Lehrerzimmer in den Sommerferien renoviert und mit neuem Mobiliar versehen worden war, bin ich am ersten Präsenztag schon extra früh zur Schule gefahren - ich wollte auf keinen Fall der letzte sein und womöglich die nächsten 35 Jahre neben jemandem sitzen müssen, der einem entweder eine Frikadelle ans Ohr labert oder bei dem man - das andere Extrem - jederzeit damit rechnen muss, dass er das Atmen einstellt. (Ich weiß übrigens zuverlässig, dass ich nicht der einizige bin, der so etwas nicht dem Zufall überlassen will - bei jeder Weihnachtsfeier schleichen alle um den Tisch im Restaurant, um sich dann blitzschnell einen guten Platz zu ergattern. Das hat schon ziemlich viel von "Reise nach Jerusalem").
Ich selbst bin letztendlich neben Frau Klein gelandet und bin damit sehr zufrieden. Wir haben das ganze Lehrerzimmer im Blick und beobachten und kommentieren das Geschehen wie Statler und Waldorf. Da Frau Klein sich im nächsten Schuljahr ein Sabbatjahr nimmt und eine Weltreise antritt, werde ich am ersten Tag nach den Ferien wieder sehr früh auf der Matte stehen müssen, um auf die Sitzordnung Einfluss nehmen zu können. Mal sehen, was die neue Anwärterin für einen Eindruck macht...
Frau Klein und ich sitzen, zusammen übrigens mit Frau Ogg, Frau Bob, Frau EasySamstag und Frau Seltsam am TISCH Nr.1. Dieses ist sozusagen der Tisch für die jungen und junggebliebenen Kollegen, man könnte auch sagen, es ist der Überwiegend-U-40-Tisch. Die typischen Gesprächsthemen an diesem Tisch sind: Amerikanische Krankenhausserien (wo ich immer nicht ganz mitkomme), die letzte bzw. nächste Karaoke- oder Geburtstagsparty, der Stuhlgang der eigenen Brut, der neueste WG-Tratsch und natürlich die Engstirnigkeit manch älterer Kollegen.
Letztere sitzen geschlossen nebenan, in der Mitte des Raumes, an Tisch 2. An diesem Tisch wird es in einigen Jahren schlagartig sehr leer werden, wenn mehrere Altgediente gleichzeitig in den Ruhestand gehen werden. Hier sind die Themen: Die besten Wohnmobilstellplätze am Gardasee, die Neuigkeiten von der letzten Bootsmesse, der Lebenswandel der eigenen Brut und natürlich das Revoluzzergebaren der Damen und Herren an Tisch 1.
Die Bewohner von Tisch 3, ganz hinten im Lehrerzimmer, sind eine weniger homogene Gruppe. Sie setzen sich zusammen aus einer Reihe von ruhigen Vertretern und Individualisten sowie aus Kollegen, die vor ein paar Jahren zu spät zur Sitzvergabe kamen. Das Geschehen an diesem Tisch haben selbst Frau Klein und ich wenig im Blick und wenig dringt von dort hinten zu uns nach vorne. Ich weiß aber aus sicherer Quelle, dass an diesem Tisch eifrig aus der Tageszeitung rezitiert wird und teilweise kontrovers über politische und Weltanschauungsfragen diskutiert wird.
Natürlich möchte ich betonen, dass wir allesamt - trotz aller Verschiedenheiten - prima miteinander auskommen. Aber komisch ist es schon, wenn folgende Situation eintritt: Du kommst ins Lehrerzimmer - und an deinem Tisch sitzt niemand. Was tun? Setzt man sich nun alleine dorthin? Oder gesellt man sich zu einer anderen Gruppe? Diese Frage will gut überlegt sein. Was würden die Tischgenossinnen denken, wenn sie doch noch - aus welchen Gründen auch immer verspätet - eintrudeln und einen an einem Fremdplatz sehen? Wird es zu Eifersuchtsszenen kommen? ("Es ist nicht so, wie es aussieht, Hasi!") Wird man womöglich zum nächsten Karaokeabend nicht mehr eingeladen?
Gut, dass man meist gar keine Zeit hat, sich über so etwas Gedanken zu machen. Denn selten verläuft die "Pause" - schon der Begriff ist ein Euphemismus - ohne Störungen. Das Telefon klingelt, ein Schüler will ein Pflaster, auf dem Schulhof fehlt eine Aufsicht oder der Praktikant will mit einem seine Unterrichtsstunde durchgehen. Dazwischen muss stets noch was kopiert oder laminiert (!) werden, wobei garantiert das Gerät kaputt geht, wenn es besonders eilig ist und natürlich will auch der größte Lehrkörper irgendwann mal entleert werden. Neulich war mal ein Experte für Betriebsschutz bei uns an der Schule, um das Gefährdungspotential an unserem Arbeitsplatz zu beurteilen. Bevor er auch nur einen Schüler zu Gesicht bekommen hatte, war er schon total schockiert: Die Lautstärke im Lehrerzimmer übertraf bei weitem den vorgeschriebenen Dezibel-Grenzwerten. In diesem Sinne: Glück auf!

2 Kommentare:

  1. sehr wahr, sehr wahr - so ist das bei uns!!!
    Übrigens hat jeder Tisch einen "heimlichen Blockwart" - bei uns am Tisch ist das Herr Bromseklöten. Und der macht das ganz prima. Besonders die weiblichen Kollegen an Tisch 1 fühlen sich so wohl und sind auf einmal alle so furchtbar fruchtbar..... Woher das wohl kommt???

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