So, nun wird es langsam zum Ritual: Wenn die Kinder im Bett sind, wird der Abend mit einem Posting eingeläutet. Wenn ich durchhalte, ist mit Sommerferien das erste Buch voll... :-)
"Wir machen auch Hausbesuche" - das war einmal ein Slogan der Gebühreneinzugzentrale. Der Satz könnte auch unser Motto sein, denn wir besuchen ebenfalls unsere Schüler bzw. ihre Eltern mindestens einmal im Schuljahr zu Hause. Im Gegensatz zur GEZ melden wir unsere Besuche aber vorher an und geben somit unseren Gastgebern Gelegenheit, ihr trautes Heim schön für den hohen Besuch herauszuputzen. Dennoch ist so ein Blick in die Wohnumgebung eines Kindes um vieles aufschlussreicher als tausend Elterngespräche am Telefon oder in der Schule. Und auch, wenn einem in der Regel eine Art Kinderparadies ala Neverland vorgegaukelt wird: Meist muss man gar nicht fragen, ob man mal einen Blick in den Keller werfen darf - die Leichen, die dort lagern, stinken bis rauf in die Wohnung.
Dennoch sind die Unterschiede zwischen dem, was einem bei den einzelnen Bedarfsgemeinschaften erwartet, sehr groß. Da gibt es z.B. Familie Schrader, die - beide Eltern in Lohn und Brot bei einem der größten Arbeitgeber der Region - in einem gepflegten Reihenhaus lebt. Hier riecht es zwar auch irgendwie nach Leiche, aber so diffus, dass man sich eigentlich nicht erklären kann, woher das Töchterchen ihre Macken hat. Serviert werden hier je nach Tageszeit üppig belegte Brote oder Torte. Man wird sogar gleich nochmal eingeladen, in der Adventszeit wiederzukommen. Dann müsse man unbedingt die große Weihnachtspyramide bestaunen, die der Stolz der Familie ist.
Auf der anderen Seite gibt es Familien wie die berüchtigte Walter-Sippe. Nach einem ihrer zahlreichen Umzüge werden wir eingeladen, uns die neue Wohnung anzusehen. Die sei so schön groß und hell. Die zuständige Mitarbeiterin im Jugendamt warnt uns hinter vorgehaltener Hand vor und beschreibt, wie ein Umzug bei Familie Walter aussieht: Alle Klamotten werden in Müllsäcke gestopft, diese werden in der neuen Wohnung erstmal einfach ausgekippt. So sieht es dann auch aus, das angekündigte Wohnparadies: Durch einen langen Flur bahnen wir uns den Weg ins Wohnzimmer - links und rechts hohe Berge von Plünnen. Wir kommen uns vor wie Indiana Jones im Dschungel. Es riecht nach Feuchtigkeit und Katzenpisse. Woher letzterer Geruch rührt, wird schlagartig klar, als wir Platz genommen haben (schön vorne auf der Sofakante - man möchte ja nicht festkleben): Unvermittelt springt mich aus irgendeiner Ecke eine wildgewordene Katze an, schön mit ausgefahrenen Krallen. Der sie verfolgende Hund landet Sekunden später auf meinem Schoß, da ist die Katze aber schon weiter und zerkratzt gerade die Glatze des Herrn Kollegen. Den angebotenen Kaffee lehnt man dankend ab, das einzige was ich hier theoretisch trinken würde, wäre eine Dose Cola - aber bitte vorher nicht öffnen!
Die Mehrheit "unserer" Familien bewegt sich allerdings irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Es sind die klassischen Hartz-IV-Existenzen, die jedes noch so platte Vorurteil bestätigen. So etwa Familie Meier. Deren Wohnzimmer wird dominiert von einem riesigen Plasma-Bildschirm, wahrscheinlich schön einfach mit 0% beim Blödia Markt finanziert. Davor fein säuberlich aufgereiht drei verschiedene Spielkonsolen und der PayTV-Decoder. An der gegenüberliegenden Wand: Ein riesiges Terrarium mit einer Königspython und daneben ein noch größeres mit Mäusen - denn die Schlange braucht ja was zu essen. In der letzten Ecke des Zimmers sitzt dann der ältere Sohnemann der Familie mit Kopfhörern (immerhin!) vor einem Einundzwanzigzoller und spielt WOW, während der jüngere Meier-Sprössling mit dem Familienhund durch's Zimmer tollt. Dazwischen dann wir und Muddern, mit der wir versuchen ein halbwegs strukturiertes Gespräch zu führen.
Inhaltlich bringen diese Termine, wie gesagt, nicht viel. Man hört sich an, wie bescheuert das Jugendamt ist und wie bekloppt die Lehrer an der alten Schule waren. Man kann sich so ungefähr denken, wie über uns in unserer Abwesenheit geredet wird. Man hört sich auch an, was alles für die Förderung des Nachwuchses getan wird: "Wir gucken immer so Sendungen mit Tieren. Neulich kam was mit Dinosauriern. Da habe ich dem Bengel aber erklärt,er muss keine Angst haben. Das ist alles nur nachgestellt oder es sind alte Aufnahmen."
Manchmal sitzen auch noch ketterauchende Familienhelfer mit am Tisch, die ihren Senf dazugeben und ganz neue Definitionen für bekannte Krankheitsbilder raushauen: "Ist doch klar, dass Kevin immer meint, er bekäme zu wenig Aufmerksamkeit. Er hat schließlich ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" oder türkische Omas, die kein Wort verstehen aber mantraartig den einen Satz wiederholen, der sie am Leben erhält: "Erkan gut Junge!".
So fährt man eigentlich immer ganz beschwingt nach Hause und rechnet sich vor: Ein Jahr hat 8760 Stunden. Davon verbringt ein Kind maximal 1000 Stunden in der Schule, den Rest zu Hause. So begrenzt ist unser Einfluss. Für das Kind entsetzlich, für uns aber ehrlich gesagt auch irgendwie beruhigend. Glück auf!
sehr wahr, Herr Bromseklöten! Manchmal fühlt man sich aber auch bei einem Hausbesuch, als sei man direkt in einem Fatih Akin Film gelandet... dazu mehr ein andernmal!
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