Freitag, 2. September 2011

Die Laminier-Werkstatt

Die ersten zwei Wochen des Schuljahres sind um - und nach eingehender Prüfung steht für mich fest: Meine Schüler haben alles, aber auch alles vergessen, was wir im letzten Schuljahr erarbeitet haben. Besonders im Mathematikunterricht fällt das auf. Kaum einer kennt noch den Unterschied zwischen Plus und Minus oder kann mit Gewissheit sagen, welche Zahl vor 63 oder nach 37 kommt. Die Begriffe „Zehner“ und „Einer“ hat offenbar noch nie jemand gehört. Das an die Tafel gezeichnete Hunderterfeld halten sie für eine Tafel Ritter Sport Schokolade.
Das sind so die Momente, in denen man merkt: Das Buch ist nicht genuch. Es braucht vertiefenden Unterricht. Reflexartig ruft der brave Lehrer nun das ab, was ihm im Referendariat bis zum Erbrechen eingebläut wurde: Werkstattunterricht ist das A und O!
Werkstatt? Jeder, der nicht im Schulkosmos arbeitet, denkt da an einen Raum voller Werkzeug, indem Profi- oder Hobby-Handwerker ihrer Arbeit nachgehen. Wir kennen die Tischlerwerkstatt, die Autowerkstatt oder die Fahrradwerkstatt. Und so etwas schwebte den Erfindern von „Lernwerkstätten“ wohl ursprünglich auch mal vor.
Mit der Realität hat das dann doch eher wenig zu tun. Schauen Sie mal, was einem die bekannten Lernmittelverlage als Werkstatt verkaufen: Völlig überteuerte Mappen mit je 20-30 Arbeitsblättern zu einem Thema, praktischerweise einzeln entnehmbar zum Kopieren im Klassensatz.
Diese „Werkstätten“ gibt es für alle Schulstufen, zu allen Fächern und allen möglichen und unmöglichen Themen. Während meines Studiums gab es in der Uni eine Medienstelle für Unterrichtsmaterialien. Dort hatten sie sie alle: Die „Vom-Korn-zum-Brot-Werkstatt“ genau so wie die „Schneckenwerkstatt“, die „Zehn-Gebote-„ , die „Weimarer-Republik-“, die „lang-länger-am längsten-“ und die „Klowerkstatt“. Und täglich rannten dort frischgebackene Referendare oder Studenten im Schulpraktikum die Bude ein und kopierten sich diese Werke in Massen. Der Stapeleinzug des Kopiergerätes lief dauerhaft auf Hochtouren. Glücklich und zufrieden schleppten sie die Papierberge in Wäschekörben nach Hause mit der Illusion, nun gut gewappnet für den rauen Schulalltag zu sein.
Mittlerweile ist die Entwicklung schon etwas weiter: So hörte ich kürzlich davon, dass in Anwärterkreisen eine DVD kursiert, die mindestens 50 dieser „Werkstätten“ im pdf-Format enthält. Jede Seite schön einzeln eingescannt. Da musste jemand wohl ganz viel Zeit gehabt haben. Was natürlich jedem Urheberrechtsschützer ein Dorn im Auge sein muss, vermittelt dem verunsicherten Berufsstarter plötzlich ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit.
Der abgeklärte Schulroutinier weiß aber natürlich: Alles Humbug! Von diesen Machwerken kann man jeweils höchstens fünf Seiten direkt im Unterricht einsetzen, der Rest ist entweder zu schwer, zu leicht oder sonst wie ungeeignet für die Lerntruppe, die man momentan zu bespaßen hat. Also stellt man sich seinen Kram selber zusammen, sei durch eigene Heimarbeit, durch das Klauen bei Kollegen oder Tauschbörsen von Lehrerforen im Internet. Auch die Google-Bildsuche spart die Anschaffung manch unerschwinglicher Bilderkartei.

Jetzt haben wir also unser Material für die „Werkstatt“ zusammen, aber damit ist es noch nicht getan. Denn das Sammelsurium will noch entsprechend aufbereitet werden. Und hier läuft nichts ohne die geliebteste Waffe des didaktischen Nahkämpfers schlechthin, den LAMINATOR. Mit ihm werden die zusammengewürfelten Fotokopien veredelt und konserviert. Anschließend stellt sich der Werkstattfanatiker dann sein Arbeitszimmer damit voll. Denn in seinem Wahn ist er fest der Überzeugung, dass er dieses Material, an dem im Moment sein Herzblut hängt, irgendwann noch einmal verwenden wird. Was natürlich auch totaler Quatsch ist. Denn entweder wird er dieses Thema nie wieder im Unterricht behandeln, oder das Leistungsniveau der Klasse ist beim nächsten Mal ein ganz anderes oder aber, was die wahrscheinlichste Variante ist, er hat bis dahin vergessen, dass bzw. wo er das Zeug noch hat  So druckt er sich dann alles doch noch einmal aus und beginnt von Neuem zu Laminieren.
Natürlich laminiere ich aber auch gerne. Es gibt einem nämlich irgendwie einen echten Kick, Dinge in Plastik einzuschweißen. Man hat das Gefühl, etwas für die Ewigkeit zu schaffen, das die Zeiten überdauern wird. Hätte da Vinci sein Abendmahl nicht auf eine olle Kirchenwand gepinselt sondern auf ein anständiges Stück Papier und dieses anschließend durch den Laminator geschickt: Es würde heute nicht so bröckeln (jedenfalls nicht ganz so, wie die Kollegen im Lehrerzimmer).
Ist dann alles eingeschweißt, braucht es nur noch eine Menge Kopierkartondeckel als Fächer für die einzelnen Arbeitsaufträge, einen Laufzettel für jedes Kind zum Abstempeln – und schon kann es losgehen.

Und nun sind sie also munter dabei, die lieben Schülerlein und erobern sich schön ganzheitlich mit Perlen, Plättchen, Kärtchen, Puzzeln und Rätseln den Hunderterraum wie einst der weiße Mann den wilden Westen – und werden doch am Ende wieder nicht wissen, wie viel Zehner 99  hat.

2 Kommentare:

  1. Oh ja - die pädagogische Lernwerkstatt ... das Sahnehäubchen und Entblößungsmerkmal jeder neumodernen "Hinschmeiss-Didaktik": "Wie, Ihnen fällt nichts gescheites und durchdachtes zum Themy XYZ ein? Machen Sie doch halt eine Werkstatt! Dat jeiht immer - und schaden tut's auch nicht!"

    Sieht man einmal von den Auslagen ab (Pappdeckel - pah ... ich benutze die edle ALDI-Plastik-Ablagen-Variante für 1,49 Euro pro Korb), kann ich das alles sehr gut nachvollziehen.

    Insbesondere der hoffnungsvolle Teil mit dem "Laminieren für die Ewigkeit" und der darauf folgenden Erkenntniss, dass man sich ein Jahr später sowieso wieder etwas Neues in den Lamionator schiebt, muss ich so wohl unterschreiben. Was tun? Vielleicht eine Werkstatt-Datenbank? Möglichst als App fürs Ei-Phone.

    Und damit verbunden hat sich bei mir eine neue Lehrer-Krankheit: Der "Alles-muss-zuhause-vorrätig-sein-Tick". Mittlerweile könnte ich wohl auch einen Büroartikelladen in meiner Wohnung eröffnen. Glossy-Photo-Paper 180g? Oder dich lieber Karton matt? Oder auf mamoriertem Urkundenpapier? Kein Problem - hab ich gleich.

    Am Ende muss ich mir aber doch ein wenig Sorgen machen, Herr Brömseklöten. Diese "DVD in Anwärterkreisen" ist doch suuuuper alt! Kursierte die nicht schon zu unseren Unizeiten?! Wo leben Sie eigentlich?!?

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  2. Ach ja, der Wunsch alles aber auch alles für die Nachwelt konservieren zu können ... wer möchte das nicht ... und wir Lehrer sind mit dem Besitzt unseres tollen Laminators so nah an der Erfüllung dieses Traumes dran. Was man nicht alles konservieren könnte: die Sommerblumen, die langsam dahinwelken, die erste volle Windel des Nachwuchses kurz nach der Geburt, die Ehefrau am Tag der Trauung. Und was mich angeht: ich hätte gerne meine Figur von vor 10Jahren konserviert. Hm, aber damals gabs leider noch keinen Laminator. Kann mich zumindest nicht erinnern....sonst würde ich heute anders aussehen! Jawoll!

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